Fachbereich Geschichte / Politische Bildung

VEREINIGUNG 17. JUNI 1953 e.V.

Presse

Holger Rupprecht: Ich war angepasst, habe geschwiegen
Bildungsminister besucht das Einstein-Gymnasium in Neuenhagen

cw − Der Minister wunderte sich zu Beginn selbst: "Das ist das letzte Gymnasium, das ich besuche. Merkwürdig, dass ich noch nie hier war." Umso mehr freue er sich, auf seiner Zeitreise mit Zeitzeugen zur Geschichte der DDR "nunmehr auch in Neuenhagen angelangt zu sein." Die zur Begrüßung angetretenen Lehrerinnen und Lehrer nahmen die Begrüßung mit gemischten Gefühlen auf. Immerhin hatte ihr Gymnasium auf Platz Eins der Schulen gelegen, die Vorschläge zur Schulreform eingereicht hatten, war aber von der Kultusbürokratie als einzige von elf Schulen überhaupt nicht berücksichtigt worden.
Am Montag ging es allerdings nicht um dieses längst entschiedene Papier, wenn auch um einen wichtigen Teil der Durchlüftung des Brandenburger Schulsystems: Zum sechsten Mal innerhalb weniger Wochen tourte Holger Rupprecht durch eine weiterbildende Schule, um mit einem Zeitzeugen dem Thema DDR-Geschichte eine demonstrative Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Brandenburg hatte als einziges Bundesland besonderen Nachholbedarf, nachdem der nicht unumstrittene erste Ministerpräsident Manfred Stolpe nach der Wiedervereinigung keinen gesonderten Wert auf diesen historischen Wissensbereich legte. So müht sich Landesregierung und Landtag erst in diesen Wochen, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR-Diktatur, um die Einrichtung eines Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit. Immerhin war der Vorschlag Anfang des Jahres vom Ministerpräsidenten Matthias Platzeck selbst gemacht worden.
Im Gegensatz zu den vorherigen Minister-Visiten war in Neuenhagen nicht einmal die örtliche Presse erschienen, das Thema schien für die Medien vor Ort wohl nicht mehr spektakulär genug. Dabei hätte es durchaus Interessantes zu berichten gegeben. Vor 38 Schülern, der Minister-Eskorte und mehreren Lehrkräften berichtete Holger Rupprecht über seine "sehr eigenen Erfahrungen als Lehrer in der DDR." Er habe sich im Wesentlichen "angepasst und zu den Widersprüchlichkeiten geschwiegen", sagte der Minister. Erst als in einer befreundeten Familie der Freund und Vater, "ein sehr begabter Musiker", geflüchtet sei, war Rupprecht in das Visier der Stasi geraten, habe "nun mitbekommen, was in diesem Staat nicht stimmig" sei. So nahm er die zwei Kinder der befreundeten Familie zu sich, während die Mutter in Hoheneck ihre Strafe absitzen musste: "Ich hatte plötzlich vier Kinder." Der erschütternde Besuch in diesem Frauenzuchthaus sei für ihn nachhaltig bewegend gewesen und habe ihm keine Illusionen mehr über diese DDR gelassen.
Tatjana Sterneberg, als Zeitzeugin nach Neuenhagen eingeladen, war eben in diesem Zuchthaus eingesperrt und konnte so die Eindrücke Holger Rupprechts, die dieser "Gott sei Dank nur als Besucher erfahren" habe, durch eigenes Erleben untermauern. Als junge Frau hatte sich Sterneberg in einen "sportlichen, quicklebendigen Italiener mit wunderschönen Augen" verliebt. Sie war als Fachkraft im "Hotel Stadt Berlin", dem heutigen "Park Inn" angestellt, ihr Antonio hatte bereits eine leitende Funktion im West-Berliner Hotel Kempinski erreicht. Nach einem Jahr stand für die beiden Liebenden fest: Sie wollten heiraten. Antonio aber wollte seine Freiheit nicht mit der Unfreiheit tauschen, seine Tatjana sollte ihm also in den Westen folgen.
Neben den beiden Schülersprechern Tatjana Sterneberg, Holger Rupprecht und Rektorin Edelgard Pecher (von links) Foto: © LyrAg 2009
Neben den beiden Schülersprechern Tatjana Sterneberg, Holger Rupprecht und Rektorin Edelgard Pecher (von links) Foto: © LyrAg 2009
Den atemlos lauschenden Schülern schilderte Sterneberg den nun einsetzenden Kampf um das Recht zweier liebender Menschen, miteinander leben zu wollen. Gemeinsam suchten sie das Innenministerium auf, um den gestellten Antrag auf Ausreise nachdrücklich zu begründen, der "natürlich abgelehnt wurde."
Wie sie heute aus ihren umfangreichen Stasi-Akten wüsste, sei ihr Ausreise-Wunsch unverzüglich an die Stasi gemeldet worden, allein zwölf inoffizielle Mitarbeiter (IM) wurden auf sie und Antonio angesetzt. Schlimm dabei war, dass ein befreundeter Kollege besonders eifrig tätig wurde und sogar für die Stasi eine Skizze der Wohnung anfertigte. Schließlich wurden seine Berichte als entscheidende Grundlage für die Verhaftung am 7. November 1973 herangezogen. Antonio hatte man fast zeitgleich nach der Einreise am Checkpoint Charlie festgenommen.
"Besonders die Verhöre vor dem Prozess waren erniedrigend und menschenverachtend", berichtete die sichtlich bewegte Zeitzeugin." Man lockte und drohte, sperrte mich in immer wieder andere Zellen, mal allein, mal mit anderen Gefangenen. Einziges Ziel: uns zu zermürben, fertig zu machen."
Im Sommer 1974 wurde Antonio schließlich zu sechs Jahren, sie selbst zu über vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Ihr Verteidiger, der bekannte und im letzten Jahr verstorbene Wolfgang Vogel, riet ihr, das Urteil "möglichst geräuschlos anzunehmen", doch sie widersetzte sich. Schließlich wurden die Urteile auf fünf (Antonio) und drei Jahre und acht Monate (Tatjana) reduziert.
Sterneburg wurde auf die Burg Hoheneck, das einzige Zuchthaus der DDR, in dem nur Frauen eingesperrt waren, Antonio nach Rummelsburg verbracht. Während der ganzen Zeit ihrer Haft war ein Kontakt "zwischen uns" nicht möglich. Auf Hoheneck sei sie mit Mörderinnen und anderen Kriminellen zusammengesperrt worden, "bis zu 60 Menschen waren in Gemeinschaftszellen gepfercht worden. Tagsüber oder in Abend- und Nachtschichten mussten wir arbeiten und zum Beispiel Wäsche nähen, die sich dann auf den Wühltischen bei Karstadt, Hertie oder Quelle wiederfanden", berichtete Sterneberg.
Besonders perfide fand sie die Behandlung mit Anti-Epileptika und Psychopharmaka, die der Anstaltsarzt verordnete und als "Beruhigungsmittel" verabreicht wurden. Später erst erfuhr Tatjana Sterneberg, dass "es ein Wunder sei, das überlebt zu haben." Die Medikamente hätten zu schweren epileptischen Anfällen führen können. Erst durch die Akten wurde ersichtlich, dass auch der Anstaltsarzt, "der heute noch in Ahrensfelde praktiziert", mindestens zehn Jahre lang Patienten, Kollegen und Vollzugspersonal an die Stasi verriet. "Ein klarer Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht."
Am 20. Oktober 1976 wurde Sterneberg endlich in den Westen "und aus der DDR-Staatsbürgerschaft" entlassen. Antonio war schon vorher wieder in West-Berlin angelangt. "Wir waren glücklich, haben geheiratet." Aber die schweren Schäden, die Beide in der Haft erlitten hatten, führten bald schon zur Trennung und Scheidung. "Später versuchten wir es noch einmal, wurden Eltern eines Sohnes, aber die Zeit hatte Wunden geschlagen, die nicht mehr heilbar waren." 2006 starb Antonio schwer krank an den Folgen der Haft.
Erst zaghaft, dann sehr lebhaft entspann sich eine Diskussion zwischen den sichtlich beeindruckten Gymnasiasten auf der einen und dem Minister und der Zeitzeugin auf der anderen Seite. So wollte ein Schüler wissen, was es denn bringe, sich heute noch mit diesen einstigen IMs auseinanderzusetzen; eine Schülerin fragte, ob Sterneberg denn diesen Leuten, "die das alles getan hätten", verzeihen könne? Tatjana Sterneberg betonte, dass es ihr nicht darum gehe, Biografien zu zerstören. Aber sie wolle die Täter dazu bringen, sich ihrer Verantwortung zu stellen, statt sich die Vergangenheit "mittels politischer Parteien schön zu reden." Zur Vergebung gehöre erst einmal die Bereitschaft, die Schuld einzugestehen, "dann könne man auch vergeben."
Mit Blumen und Beifall wurden die beiden ungleichen Zeitzeugen nach über zwei Stunden herzlich verabschiedet. Im Lehrerzimmer wurde die Diskussion um geschichtliche Wahrheiten noch weitere zwei Stunden fortgeführt, auch wenn sich der Minister, nachdem er sich "sehr beeindruckt von dieser weiteren Begegnung mit jungen Menschen und einer Zeitzeugin" gezeigt hatte, aus Termingründen schon etwas früher verabschieden musste.

30. März 2009

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